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LESEPROBE                

 
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D O S T O J E W S K I

   
und  die  Liebe




Das Marinski-Hospital, ein Armenhospital am Rande Moskaus, stand in einer Gegend, die im Volksmund den Namen Boschedomka  trug. Früher befand sich dort ein Leichenhaus für Verbrecher, Landstreicher und Menschen, die keiner Gemeinde angehörten und somit bei Gott begraben wurden. Obwohl das Leichenhaus inzwischen der Vergangenheit anheimgefallen war, hatte sich die Gegend selbst für das bescheidenste Dasein nicht zum erstrebenswerten Ort gemausert. Längst wurde niemand mehr bei Gott begraben. Einzig die dort Lebenden waren von Gott vergessen. Das Bild bestimmten indessen Anstalten öffentlicher Hilfe wie Waisen- und Armenhäuser. „Ein Ort staatlicher Knauserei, gemilderter Abscheulichkeit, unterstützter bitterster Armut. Ein Bezirk des Elends und der kummervollen Langeweile.“  Ein Leben war in dieser Gegend weder wünschens- noch empfehlenswert. Im Parterre eines Seitenflügels dieses Hospitals wurde in einer Wohnung ein Raum durch einen Bretterverschlag in zwei Zimmer aufgeteilt. Der Wohnung war ein Flecken Erde zugeordnet, wohlwollend Garten tituliert. Gitter trennten nicht nur den Garten vom riesigen Park des Armenhospitals, sondern gleichfalls die Hospitalinsassen vom Rest der Welt. Die Vierraumwohnung der Familie Dostojewski lag unmittelbar an dieser Grenzlinie. Das sich den Bewohnern der Seitenflügelwohnung bietende Bild des Elends war erbärmlicher kaum vorstellbar. An Düsternis nicht genug, schleppten sich vor dem Wohnzimmerfenster Sträflinge täglich zu ihrer Zwangsarbeit, denn unweit des Hospitals befand sich eine Etappenstation für Gefangenentransporte in den sibirischen Gulag.
Für die Kinder herrschte ein rigoroses Verbot, mit den jämmerlichen Kreaturen jenseits des Zaunes Kontakt aufzunehmen. Eines der Kinder setze sich über das Verbot des strengen Vaters hinweg. Dieses Kind hörte auf den Namen Fjodor Michailowitsch. Es wurde in jener Häuslichkeit im November 1821 als Kind eines Arztes und der Tochter einer Kaufmannsfamilie geboren. So lebte Dostojewski von Kindesbeinen an mit der Aussichtslosigkeit Tür an Tür.

Selbst kleine Momente der Nähe zu den Elenden waren für den jungen Fjodor von enormer Bedeutung. Konnte er doch mit kaum jemand seine knapp bemessene Zeit verbringen, von Gleichaltrigen ganz zu schweigen. Sein ein Jahr älterer Bruder Michail stellte den einzigen Kontakt dar. „Fjodor liebte es sehr, mit diesen Kranken heimlich, das heißt, wenn es sich irgendwie unbemerkt machen ließ, Gespräche anzuknüpfen, besonders wenn Knaben unter ihnen waren; das war uns hingegen ein für alle Mal streng verboten, und der Vater war äußerst ungehalten, wenn ihm etwas von einem derartigen Ungehorsam zu Ohren kam.“

Die wenigen freudigen Augenblicke solch spärlicher Begegnungen außerhalb des familiären Regulariums blieben zivilisatorische Brosamen, die ihm das Schicksal überdies womöglich vom Teller klauben würde.
Fjodor freundete sich mit einem zarten neunjährigen Mädchen, der Tochter des Kutschers an. Lange sollte ihm dieses belebende Miteinander nicht vergönnt sein. Jenes Mädchen soll im Park des Hospitals vor Dostojewskis Augen von zwei betrunkenen Scheusalen brutal vergewaltigt worden sein. Sein Vater, den er zur Rettung des Mädchens eilig herbeigeholt habe, habe ihr nicht mehr helfen können und ihren Tod festgestellt. Ein Vorfall, den solche Gegend förmlich gebar. Fjodor Dostojewski erwähnte dieses Erlebnis erst Jahrzehnte später, mit dem Zusatz sich von dieser Erinnerung nie gelöst zu haben.

Was machte ihn für diese frühe Zäsur stark genug? Worauf konnte er bauen, um Erlebtes zu verarbeiten?
Das Familienregime lag in der Hand von Dostojewskis Vater, russischem Brauch entsprechend - seit Jahrhunderten. Ein unerbittliches System. Für seine Gattin galt das ebenso und in verheerender Weise später für seine Untergebenen. Ein Angestellter wusste zu berichten, der Herr sei streng gewesen. „Ein unguter Herr war er.“  Eine fein herunter gebrochene Zustandsbeschreibung einer gewöhnlichen patriarchalischen Familienkonstellation im Russland des 19. Jahrhunderts.

1830 prägten das Leben der russischen Frau weitgehend zwei zentrale Schriften, die nicht zu hinterfragende Geltung besaßen. Der Sittenkodex Domostroj aus dem 16. Jahrhundert, eine Art russischer Knigge, legte für jedermann die Verhaltensnormen im religiösen wie familiären Bereich bis ins Kleinste fest. Dieses patriarchalische Regelwerk ordnete dem Familienoberhaupt, ausnahmslos dem Mann, unbegrenzte Handlungsbefugnis zu. Absoluter Gehorsam gegenüber dem Hausherrn war für alle Familienmitglieder oberstes Gebot. Desgleichen wurde die Stellung der Frau alternativlos determiniert. Bis zur Hochzeit unterstand die Frau dem Vater, danach dem Ehemann. Ihre Aufgaben beschränkten sich im Wesentlichen auf die zwei Kernbereiche Kindererziehung und Haushaltsführung. Untermauert wurde der Domostroj von einer Sammlung religiöser Bestimmungen der orthodoxen Kirche, der Svod Zakonov. Laut dieser befand sich die Tochter bis zur Eheschließung in der ausschließlichen Entscheidungsgewalt ihrer Eltern.
Dostojewskis Tag war streng reglementiert und von Gleichförmigkeit bestimmt. Abläufe waren auf das Genaueste am Arbeitsrhythmus des Vaters auszurichten. Bibellesen in der Früh war obligatorisch. „Während der Mittagspause, die der Vater in der Wohnung abhielt, wachte im Sommer stets eines der Kinder mit einem Palmenwedel, um Fliegen und Insekten vom ruhenden Vater fernzuhalten. Wehe dem Unglücklichen, der eine Fliege hat passieren lassen!“ erinnerte sich Bruder Andrej. Die sich währenddessen im Nebenzimmer aufhaltende Familie wagte sich bestenfalls flüsternd zu unterhalten. Lachen war tunlichst zu unterdrücken, lärmendes Spiel strengstens untersagt.
Seiner späteren Bekannten Alexandra Schubert erzählte Dostojewski eine Menge über die tristen Umstände seiner Kindheit. „Über die Mutter sprach er immer ehrfurchtsvoll, auch über seine Schwestern und seinen Bruder Michail; über seinen Vater zu sprechen, wäre ihm ausgesprochen unangenehm und er bat mich, nicht zu fragen.“

Abends wurde im Familienkreis Die Geschichte des russischen Reiches von Nikolai Karamsin vorgelesen; das zu jener Zeit meistgelesene Buch Russlands. Von da an gehörte es zu Dostojewskis fortwährender Lektüre. Um neun Uhr beendete das Abendbrot mit abschließendem Gebet den Tag.
Besuch empfing die Familie ausgesprochen selten. Ein gesellschaftliches Leben fand nicht statt. Zweimal im Jahr kamen die Ammen der Kinder aus ihren Dörfern zu Besuch, um ihre ehemaligen Mündel zu besuchen. Schon das war ein Höhepunkt.
Sonntags, sowie an Festtagen, war das Ziel familiärer Ausflüge lediglich die Kirche. Einzig zum jährlichen Jahrmarkt verließ die Familie gemeinsam das Haus. Dar-über hinaus spielte sich das Leben ausnahmslos am Rande des Hospitals ab.

Bildung wurde im Haushalt großgeschrieben. Der Vater legte darauf besonderen Wert. Ab dem vierten Lebensjahr Dostojewskis begann die Mutter ihn das Lesen und Schreiben zu lehren, das er im Alter von fünf Jahren beherrschte. Dreh- und Angelpunkt allen Lernens war die biblische Geschichte.

In der Sekundärliteratur wird das Familienleben der Dostojewskis oft als überzogen religiös dargestellt. Geboren vermutlich in dem Willen, früh auf Dostojewskis spätere Gottessuche zu verweisen. Im Kontext der Zeit stellten solche orthodoxen Handlungsroutinen allerdings das Gewöhnliche dar. Desgleichen wären sie fortschrittlich orientierten Zeitgenossen nicht weiter aufgestoßen.
„Ich stammte aus einer Familie, die russisch und gottesfürchtig war. (…) Mit dem Evangelium waren wir in unserer Familie bereits seit der frühesten Kindheit ver-traut. Schon mit zehn Jahren kannte ich alle wichtigeren Geschehnisse der russischen Geschichte nach dem Werk Karamsins, aus dem uns der Vater abends vorlas. Der Besuch des Kremls und der alten Moskauer Kirchen war für mich stets etwas Feierliches gewesen.“
Alles in allem keine sonderlich ungewöhnliche Kindheit. Untypisch hingegen war die strenge Abschottung gegenüber dem weltlichen Geschehen - keine Freunde, lediglich unerhebliche externe Erfahrungen, keine Freiheiten, kein Miteinander mit anderen, gar jungen Menschen, Spielen, Toben. Sich in der Auseinandersetzung zu reiben, war nicht möglich. Der Freiraum wurde ihm nicht eingeräumt.
            


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