D O S T O J E W S K I  



 
„Das Geld erlangt für ihn die Wesenheit einer Person, von der er sich quälen ließ, die unmittelbar und mittelbar in seine Schöpfungen eingriff und zu Gestaltungen trieb.“
Julius Meier-Gräfe
Kühn, Dostojewskij und das Geld In Jahrbuch DDG 2004 S. 124

„Geld spielt bei ihm fast die Rolle, wie Moby Dick, der weiße Wal, bei Melville. Dostojewskij und fast alle seine Gestalten sind hinter ihm her und haben es nie.“
Heinrich Böll, Wir und Dostojewskij

"Das einflussreichste Alternativsystem, gegen das sich Dostoevskij in seinem Roman Der Idiot wendet, ist das ökonomische Denken. Die Vielzahl pekuniärer Referenzen im Idiot ist nicht zu übersehen. Dostoevskij verwendet große Anstrengung darauf, den Leser über den Kontostand der Hauptpersonen auf dem Laufenden zu halten. Myschkin etwa kommt ohne eine Kopeke nach Russland, gegen Ende des Romans verfügt er über ein Kapital von 135.000 Rubeln. Innerhalb der fiktionalen Wirklichkeit gibt es nur zwei Wege, zu Geld zu kommen: Man erbt es, oder man leiht es sich.
 
Bei Dostoevskij unterscheiden sich Reiche und Arme nicht durch die Art und den Umfang des Einkommens, sondern nur durch die Bereitschaft, Geld auch wieder weiter zu verleihen. So ist es bezeichnend, dass Fürst Myschkin jene 25 Rubel, die er bei seinem Vorstellungsbesuch von General Epanschin erhalten hat, wenig später an eine arme Witwe weitergibt und selbst wieder mittellos dasteht.
 
 
Aus Dostojewskis Manuskript Der Idiot 1867


Mit anderen Worten: Myschkin verzichtet hier nicht auf eine bestimmte Summe, sondern auf seinen gesamten Besitz. Vor dem Hintergrund dieser Ökonomiekonzeption verliert Geld seine Fähigkeit, verschiedene Güter miteinander verrechenbar zu machen. Besonders deutlich zeigt sich die Irrelevanz der Geldmenge an Rogoschins bizarrem Versuch, Nastasja Filippovna von ihrem Bräutigam loszukaufen - sein Steigerungsangebot beginnt bei 3.000 Rubeln und endet bei 100.000.
 
Der ganze Roman ist darauf angelegt, den Glauben an die ökonomische Regulierbarkeit des Lebens als Illusion zu entlarven: Geld wird als ein völlig inadäquates Medium zur Einschätzung verschiedener Güter präsentiert. In der Axiologie des Romans verfügt Geld über keinen eigenen Wert, sondern erschleicht sich gewissermaßen den Wert der Dinge, gegen die es eingetauscht werden kann: Dostoevskij entlarvt das Geld als Fetisch der kapitalistischen Gesellschaft."
Schmid Ulrich; Rogoschins Hochzeitsnacht: Figurale Spaltung als künstlerisches Verfahren im Roman „Der Idiot“


"Geld zur Entschlüsselung des Mysteriums Mensch als Vergrößerungsglas bei der Beschreibung der Charaktere eingesetzt, erklärt uns bei den männlichen Protagonisten ihr Verhalten und deren Entwicklung. Mehr noch als die Männer, werden Frauen beinahe ausschließlich über Geld definiert."
Kühn, Christian; Dostojewskij und das Geld. In: DDG Jahrbuch XI  S. 129


„Nirgends aber, das ist hinzuzufügen, tritt das Geld als greifbare Materie so nackt vor Augen wie im `Spieler`. Dostojewskij hat hier das Geld in all seinen mittelbaren und unmittelbaren Erscheinungsformen erscheinen lassen.“
Gerigk, Hans-Jürgen; Dostojewskijs Entwicklung als Schriftsteller S. 285


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